Sie leiden, ohne zu klagen
In der Türkei konnten sie nicht leben, weil sie Christen sind: Familie L. ist vor zehn Jahren nach Deutschland geflohen. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Die Abschiebung ist ausgesetzt. Seit zehn Jahren.
Alle, die mit dieser Familie in irgendeiner Weise zu tun haben, verstehen die Welt nicht mehr. Dort, wo sie herkommt, kann sie nicht leben, weil sie wegen ihres Glaubens verfolgt und schikaniert wird. Das Gebiet des Tur Abdin liegt in der Südosttürkei unweit der syrischen Grenze. In dem hügeligen Hochland ist die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch. Christen, die diese Gegend noch um die Jahrhundertwende geprägt hatten, sind heute eine kleine Minderheit, die immer weiter zurückgedrängt wird. Die Vertreibung wird von offizieller türkischer Seite geleugnet. Wenige Betroffene reden über die latente Gefahr und die Missachtung der Menschenrechte. Sie fürchten um ihr Leben. Auch Miriam und Thoma L. (Namen geändert) sind sehr einsilbig, wenn sie nach ihrer Herkunft und den Umständen ihrer Flucht gefragt werden. Sie sind türkisch und sprechen armäisch und arabisch, sie wählen für ihre Kinder biblische Vornamen, sind christlich-orthodox und passen damit nicht in das Bild eines Staates, der die nationale islamische Einheit über alles stellt und Religionsfreiheit nur auf dem Papier garantiert. Diejenigen, die sie bedrohten, hatten von der Staatsgewalt nichts zu befürchten. "Sie sind nachts gekommen, kurdische Leute, sie wollten uns schlagen, alles kaputt machen."
Über Istanbul fliehen sie nach Deutschland, in ein Land, das für sie der Inbegriff von Sicherheit und Gerechtigkeit ist. Erste Station ist ein Auffanglager in Karlsruhe. Von dort werden sie in ein Heim in Betzingen eingewiesen. Nur eine Nacht verbringen sie dort, dann setzen bei Miriam die Wehen ein, ihr zweiter Sohn kommt im Reutlinger Krankenhaus auf die Welt.
Er ist inzwischen acht Jahre alt, ein aufgeweckter Junge, der schwäbisch spricht und wie sein älterer Bruder manchmal Schwierigkeiten hat, die arabische oder armäische Sprache der Eltern zu verstehen. Aufgewachsen sind sie in Münsingen. Kindergarten, Schule, Sportverein. Sie kennen nichts anderes. Auch der Jüngste, gerade zwei Jahre alt, soll hier groß werden. Die Eltern verbergen ihre Angst vor den Kindern. Sie bangen und beten, dass der gefürchtete Tag, an dem sie das Land verlassen müssen, nie kommen wird.
Familie L. ist in Deutschland nur geduldet. Der Status bedeutet, dass die Abschiebung ausgesetzt ist. Das Ehepaar besitzt keine Pässe, nur Ausweise auf denen steht: "Kein Aufenthaltstitel. Der Inhaber ist ausreisepflichtig." Bis vor zwei Jahren durften sie sich nur im Kreis Reutlingen bewegen, inzwischen ist der Radius auf Baden Württemberg ausgedehnt. Als der älteste Sohn mit seinem Fußballverein in die Schweiz zu einem Spiel fahren wollte, wurde dies nicht genehmigt. Wenn er nach der Realschule eine Ausbildung beginnen will, wird er möglicherweise ebenfalls die Ablehnung des Staates zu spüren bekommen.
Zehn Jahre Unsicherheit. Alle drei Monate der Gang zum Amt und ein Antrag auf Verlängerung der Duldung. Keine Chance auf Arbeit. Der Familienvater hat bei verschiedenen Betrieben gezeigt, dass er zupacken kann. Er war Landwirt in der Türkei, versteht was von Autos - letztendlich gabs aber nur Lob für das unentgeltliche Praktikum. Eine Einstellung sei zu unsicher, er könnte ja abgeschoben werden, hieß es.
Eine vertrackte Situation, denn bei der Ausländerbehörde wird gerade andersherum argumentiert: Hätte er Arbeit, könnte er ein Bleiberecht erhalten. Das gilt auch für seine Frau. Sie hat nie eine Schule besucht. Und doch kann sie heute lesen und schreiben, fließend deutsch reden. "Ich habe mit meinen Kindern gelernt." Sie würde ihren Fleiß und ihre Zuverlässigkeit gerne unter Beweis stellen, wenn sie nur eine Chance bekäme. "Arbeit zu finden, das wäre mein schönstes Weihnachtsgeschenk."
Für Ina Kinkelin und Isolde Rauscher, Diakonische Bezirksstelle Münsingen, ist jeder Schritt wünschenswert, der dieser Familie einen ständigen Aufenthaltsstatus näher bringt. "Sie leben schon so lange hier. Wem täte es denn weh, wenn sie bleiben könnten?" Nicht einmal ein Sprachkurs wurde ihnen zugestanden, "denn Integration ist ja nicht erwünscht".
Die Katholische Kirche hat sich für sie eingesetzt und Anträge geschrieben, die Reutlinger Asylpfarrerin Ines Fischer gibt ihnen bei den Behörden eine Stimme. Die Diakonie versucht, die größte Not zu lindern, unter anderem mit Mitteln aus dem Fond von "Bürger für Bürger", der Ansprechpartner auf dem Kreissozialamt zahlt das aus, was ihnen zusteht - und bedauert zutiefst, dass er nicht mehr für sie tun kann. "Von ihm bekommen wir unser Lebensgeld", sagt Miriam. Die Leistung nach dem Asylbewilligungsgesetz beträgt 650 Euro im Monat. 100 Euro bringt die Familie sofort zur Bank, damit davon die Energie- und Telefonkosten bezahlt werden können. Die Kaltmiete in Höhe von 510 Euro erhalten sie als Sozialleistung, bleiben 550 Euro monatlich für zwei Erwachsene und drei Kinder übrig. Je 100 Euro haben sie dieses Jahr für die beiden Schüler bekommen, um Hefte und Bücher zu kaufen - alles gegen Quittung. Mit Kleidung und Essen versorgen sie sich im Münsinger Tafelladen - "ohne ihn könnten wir nicht existieren".
Miriam L. hat keine Ahnung von den aktuellen Zahlen der Armutsgrenze. "Wir sind weit unten," sagt sie, ohne eine Spur anklagend zu wirken. Auch als es im Gespräch um die gesellschaftliche Ausgrenzung geht ("Ich kenne niemand hier, ich wollte auch so gern Kontakt haben") und sie sich Tränen aus dem Gesicht wischt, wirkt sie wie jemand, der tief verletzt ist, aber alles aushalten will. Wenn es nur nicht zum Schlimmsten kommt.
Was macht so eine Familie an Weihnachten? Sie werden gemeinsam in die Kirche gehen, die Kinder warten auf keine Bescherung.

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