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Gefängnisaufenthalt von Herrn Elscheidt

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Wie vor 8 Tagen berichtet, war Herr Eduard Elscheidt am 08.10.09 in Erzwingungshaft gekommen, weil er seine Tochter nicht der staatlichen Sexual-Erziehung (=SE) preisgeben wollte und von seinem christlichen Glauben her gewissensmäßig nicht imstande war, das Bußgeld zu bezahlen; das wäre ihm wie Heuchelei und Lüge vorgekommen, denn er kann nicht über diese Tat Buße tun und wird auch weiterhin seine Kinder vor der staatlichen SE verschonen. – Herr Elscheidt erzählte nun auf meine Anfrage hin, wie es ihm im Gefängnis ergangen ist. 

„Am 08. Oktober wurde ich um 17 Uhr zu Hause verhaftet. Die Polizisten waren von der Salzkottener Wache; sie waren recht freundlich. Man merkte ihnen an, daß ihnen diese Verhaftung unangenehm war und sie sich dabei zu entschuldigen versuchten; sie mußten eben ihre Pflicht erfüllen. Der Polizist, der das Auto fuhr, kannte selber den früheren Rektor der Schule, weil er bei den Grundschülern immer die Fahrradprüfungen abnimmt. Er sagte, daß er in der Zeitung von den Schulproblemen jener gläubigen Familien gelesen hatte, aber er hätte nie gedacht, daß er selber dies vollstrecken müsse.

Überhaupt gab es bei den Begegnungen mit Polizisten und Justizvollzugsbeamten in diesen sechs Tagen gab es manche, die mir freundlich zu verstehen gaben, daß sie die harten Maßnahmen gegen uns nicht in Ordnung fanden. Einer sagte einen Satz, den ich mir unbedingt merken wollte: „Sie haben recht und werden das Recht behalten, aber es wird Ihnen erst später zuerkannt; so ist es schon immer gewesen.“ – Ein anderer sagte, daß er die SE in der 4. Klasse auch für zu früh hielt.

Ich wurde zuerst zur Polizeiwache nach Paderborn gebracht, wo ich in der Ausnüchterungszelle übernachtete. Am andern Morgen mußte ich mich beeilen, weil schon früh der Gefangenentransport mit der Kripo nach Bielefeld vonstatten gehen sollte. Dort angekommen, führte man mich zuerst in die Wartezelle und dann in die Zelle Nr. 11, wo ich auch bleiben sollte. Ich war hier ganz allein, in einer 2-Personen-Zelle in der Größe von 4x2,50m, mit Etagenbett, Tisch, 2 Stühlen und Schrank. Die Bettwäsche war sauber. Aber was mich störte, war der Nikotingeruch; davon hatte ich den ganzen Tag Kopfschmerzen. Am 2. Tag hatte ich mich an den Geruch gewöhnt. – Ursprünglich sollte ich nach Hamm ins Gefängnis gebracht werden; doch wegen des schon beginnenden Wochenendes war es nicht möglich, denn es ging jetzt kein Bus mehr nach Hamm; und da ich in der nächsten Woche nur noch für 2 ½ Tage gefangen sein sollte, lohnte es sich sowieso nicht mehr, noch am Montag dorthin zu fahren. Deshalb ließ man mich hier im Strafvollzugs- und Sicherheitsgefängnis.

Nach dem Mittagessen ging ich in die „Sachenstube“, wo mein Koffer durchsucht wurde. Ich durfte alles, außer meinen Badehandtüchern, behalten, alle meine Bücher und Bibeln, die mir besonders kostbar waren. Handtücher wurden uns vom Gefängnis gestellt. – Anschließend hatte ich viel Zeit zum Bibellesen, Beten und Schreiben. Ich erhielt viel Trost vom Herrn und war Ihm so dankbar dafür.

Am nächsten Morgen wurden wir um 6.30 Uhr geweckt, und dann hatte ich wieder viel Zeit zur Stille vor dem Herrn. Zwischendurch frühstückte ich, dann konnte ich mir wieder meine Literatur vornehmen. Ich hatte mir Bücher mitgebracht, die mir zur Vorbereitung für das kommende Kindergruppenleiterseminar dienten: sie behandelten die Geschichte der Gemeinde Jesu; ich hatte auch Bücher über die Brüder- und Baptistengemeinden zur Zeit des Nationalsozialismus, … (Bemerkung CW: Herr Elscheidt ist in seiner Gemeinde der Verantwortliche für die Kinderarbeit.)

Es gab jeden Tag eine Stunde Freigang. Am ersten Tag hatte ich noch nicht verstanden, daß man einen Knopf bedienen mußte, wenn man raus wollte; außerdem regnete es. Nach dem Mittagessen wurde ich geweckt; der erste Brief war angekommen – er war von der Rechtsanwältin, Frau Eckermann. Ich dankte Gott, daß ich diese Schwester kennen darf, die uns allen und auch mir so viel geholfen und für uns gebetet hat. – Dann studierte ich ein Buch über die Christenverfolgung unter Kaiser Nero. Nach dem Abendessen las ich von der Zerstörung Jerusalems und ging dann schlafen.

Am Sonntag hab ich den ganzen Tag in der Bibel gelesen und wurde dabei sehr gesegnet. Ein Lied kam mir in den Sinn:

    Wenn ich mich in Dein Wort versenke, o Jesus Christ, mein Gott und Herr,

    dann immer tiefer ich erkenne, daß ich nur Erdenstaub vor Dir.

    Du bist mein heil’ger Weinstock eben, ich bin die Rebe nur an Dir;

    so wie vom Weinstock in die Reben, Dein Saft, Herr Jesus, quillt in mir.  

Wie herrlich ist das! – Am Freigang im Hof nahm ich diesmal auch teil (von 9.00 bis 10.00 Uhr). Ich staunte, als ich sah, daß unter den Fenstern so viele Lebensmittel lagen: viele Brotscheiben, Wurst, Marmelade, Quark, – und ich dachte: Den Gefangenen geht es hier recht gut, daß sie so viel wegschmeißen können. Ich sah aber auch viel Not unter diesen Menschen. Ca. 75 % der Gefangenen sprachen russisch; einige waren Türken, Polen und Dunkelhäutige. Ein paar Sträflinge kamen zu mir und fragten mich, wer ich sei, ob ich Rauschgift nähme und rauche. Als ich das alles verneinte, fragten sie erstaunt, wofür ich denn „sitze“. Ich gab wahrheitsgemäß Auskunft. Sie konnten nicht verstehen, wieso ich für 120 € ins Gefängnis gehe. Ich erklärte ihnen, daß dies eine Gewissenssache ist und daß es mir nicht um diese 120 € gehe, sondern darum, daß man mit Bezahlung von „Buß“-geld gleichsam sagt: Ich tue Buße, – daß es uns aber nicht leid tut, daß wir unsere Tochter nicht in diesen Unterricht geschickt haben. Sie fragten daraufhin, ob ich gläubig sei; als ich bejahte, verloren sie jegliches Interesse an mir, weil sie nun wußten, daß sie mir kein Rauschgift verkaufen konnten.

Um 11.30 Uhr konnte ich mein Mittagessen, Abendbrot und Frühstück abholen, auch heißes Wasser für das Abendbrot – das am Abend natürlich schon kalt war; aber ich dachte daran, daß dies ja nicht schlimm sei im Vergleich mit den Verhältnissen in den russischen Gefängnissen. Hier war das Mittagessen immer recht gut. – Am Nachmittag sann ich über den Trost von Gott her nach. Auf einmal hörte ich unser Blasorchester draußen auf dem Parkplatz und freute mich so sehr darüber, daß tatsächlich unsere Geschwister aus der Gemeinde gekommen waren, obwohl ich nur für 6 Tage im Gefängnis war; ich hätte vor Freude herumspringen können – darüber, daß Gott mich so sehr tröstete. – Was sonst noch gesungen oder gepredigt wurde, konnte ich leider nicht hören, weil meine Zelle auf der anderen Seite des Gebäudes lag; auch lief in jeder Zelle ringsumher der Fernseher oder das Radio – wie es halt so zugeht in den Gefängnissen, abgesehen davon, daß viel Geschrei zu hören ist.

Am Montag fastete und betete ich den ganzen Tag – für die eigenen Kinder und die der Gemeinde, die in dem Alter sind, wo sie sich bewußt entscheiden können, dem Herrn zu gehören. Ich las dabei den Galaterbrief durch. Am Nachmittag tröstete Gott mich dadurch, daß ich 17 Briefe bekam; viele waren von Menschen, die ich bis dahin noch nicht gekannt hatte. Besonders bewegte mich der Brief eines pensionierten Pfarrers und einer 20-jährigen Studentin. –  Durch diese vielen Briefe verstand ich auf einmal, daß wir manchmal wie Elia denken: „Ich bin allein übriggeblieben…“, und Gott zeigte mir hiermit, daß Er noch andere hat, von denen wir nichts wissen, obwohl sie gar nicht so weit von uns entfernt sind. – Dann betete ich für diese Menschen, daß vielleicht etliche davon, die die biblische Wahrheit noch nicht ganz verstehen, zur rechten Erkenntnis kommen mögen.

Am Dienstag las ich morgens die ersten vier Kapitel des Epheserbriefes, wobei mir wichtig wurde, wie Gott aus solch unbrauchbaren Heiden, wie auch wir welche waren, in Christus einen neuen Menschen machte, der Ihm gefällt. Dann studierte ich wieder die Geschichte der Gemeinde. – Ich hatte starke Sehnsucht nach meiner Familie, meiner Frau und meinen Kindern, und nach Gemeinschaft mit den Glaubensgeschwistern. Da erhielt ich wieder 17 Briefe; wieder waren etliche davon von fremden Menschen: von einer ehemaligen Lehrerin, einem Pfarrer, und von vielen anderen. Insgesamt hatte ich 37 Briefe bekommen. – Jemand hatte mir in einem Brief Traktate geschickt, wofür ich sehr dankbar war, denn nun konnte ich sie den Gefangenen geben. Traktate ins Gefängnis schicken ist eine sehr gute Idee – besonders russische Traktate sind angebracht, denn es sind so viele russischsprachige Gefangene in den Gefängnissen. Das sollten wir bedenken, wenn demnächst wieder jemand von uns ins Gefängnis kommt.

Beim Freigang unterhielt ich mich mit einem Türken aus Kasachstan, der russisch sprach. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte und sagte, daß er so am Boden liegt; er mußte immer wieder ins Gefängnis, jetzt war er gerade zur Gerichtsverhandlung hierher gekommen und wurde für 150 Tage verurteilt. Er saß in Hannover im Gefängnis. Seine Frau hatte ihn verlassen, mitsamt den 3 Kindern. Ich versuchte ihn zu trösten und erzählte ihm vom Evangelium. Später schrieb ich ihm ein russisches Lied ab und ließ es ihm durch den Wächter übergeben. Er war dafür sehr dankbar.

Am Mittwochmorgen las ich wieder in meiner Bibel. Ich konnte es kaum erwarten, bis der Zeitpunkt der Entlassung gekommen war. Ich hatte schon alles bereitgelegt. Auf einmal wurde mir durch den Lautsprecher mitgeteilt: „Herr Elscheidt, sobald Sie fertig gepackt haben, können Sie den Rufknopf drücken.“ Das tat ich sofort. Nun konnte ich in Begleitung des Justizvollzugsbeamten zu dem Kontrollpunkt gehen.

Das Gefängnisgebäude hat schwarze Glasscheiben, sodaß man von außen nicht hineinsehen kann. Am Eingang sitzt normalerweise der Pförtner. Dort stand nun das Gefängnispersonal und schaute angestrengt zum Fenster raus, worüber ich mich wunderte; doch plötzlich begriff ich den Grund, als ich bemerkte, daß draußen etwa 20 Glaubensgeschwister standen. Sie waren schon seit einer Stunde, seit 14 Uhr, da und sangen ihre Lieder. Es war gerade Schichtwechsel, weshalb etliche Justizvollzugsbeamte zugegen waren und fragten, was denn das für Leute seien. Jemand vom Personal antwortete: „Du hättest mal am Sonntag da sein sollen – da war was los!“ Ich merkte aus dem Gespräch, daß sie alle zugehört hatten, auch die Gefangenen; die vom offenen Vollzug hatten die Fenster geöffnet – viele waren gerade von dem Hausbesuch zurückgekommen (sie hatten am Sonntag nach Hause gedurft) und hatten den Gottesdienst mitbekommen. Da freute ich mich sehr, daß der Dienst nicht umsonst gewesen war, obwohl ich selbst wenig davon gehört hatte. Ich erfuhr hernach, daß ca. 80 Geschwister teilgenommen hatten, aus unserer und den umliegenden Gemeinden – alle, die ein Herz für unsere Probleme haben –, mitsamt unserem Kinderchor. Auch ehemalige Drogensüchtige, die der Herr befreit hat, waren gekommen.

Ich wollte noch betonen, daß  ich mich nicht als Märtyrer ansehe oder fühle, aber die rege Anteilnahme der Gläubigen – sowohl derer, die zum Dienst hergekommen waren, als auch der vielen Menschen, die Briefe geschickt haben – hat mich und auch meine Familie (sie bekam auch Post) sehr, sehr, sehr getröstet, obwohl ich nur für 6 Tage eingekerkert war und nichts Schlimmes mit mir passiert war. Trotzdem! Wir merkten, daß wir noch viele Geschwister haben, aus verschiedenen Gemeinden und Kreisen, die mittragen und mitbeten – alle, die eines Geistes sind, haben mitgewirkt, mitgebetet, mitgeschrieben. Das hat uns sehr gefreut.“ 

Bis dahin der Bericht von Herrn Elscheidt. –  Seine Frau erzählte mir am Telefon:

„Auch zu uns nach Hause hatten wir Karten geschickt bekommen und wurden dadurch sehr getröstet. Wir sind es nicht wert! Wir erkannten wieder, daß wir einen so großen Gott haben! Er hat uns so viele Geschwister zur Seite gestellt! Wir sind überwältigt!

Als wir am Mittwoch von Bielefeld zurückkamen, lagen Briefe sowohl für mich als auch für meinen Mann im Briefkasten. Ich muß für dieselbe Tochter ins Gefängnis, für die er jetzt dringesessen hatte; wir beide müssen dann auch noch für die nächste Tochter hineingehen, denn auch für sie wurde uns 290 € Bußgeld pro Person, und zwar nur wegen einem einzigen Tag Theaterbesuch, den wir ablehnen.

Der nächste aus Salzkotten, der wohl bald verhaftet wird, ist Willi Dojan. Er war letztes Jahr schon für 8 Tage im Gefängnis – für seinen Sohn; jetzt geht er für seine Tochter hinein.“ 
 

Rechtsanwältin Eckermann merkt an:

 „Hier ist Unrecht geschehen. Geltendes Recht wird nicht mehr angewandt (BVerfGE 47, 46/47, 2. Leitsatz; BVerfGE 93, 1/17):

    „Die Sexualerziehung in der Schule muß für die verschiedenen Wertvorstellungen auf diesem Gebiet offen sein und allgemein Rücksicht nehmen auf das natürliche Erziehungsrecht der Eltern und auf deren religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen, soweit diese für das Gebiet der Sexualität von Bedeutung sind. Die Schule muß insbesondere jeden Versuch einer Indoktrination der Jugendlichen unterlassen“ (BVerfGE 47, 46/47, 2. Leitsatz). 

    "Im Verein mit Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG, der den Eltern die Pflege und Erziehung ihrer Kinder als natürliches Recht garantiert, umfaßt Art. 4 Abs. 1 GG auch das Recht zur Kindererziehung in religiöser und weltanschaulicher Hinsicht. Es ist Sache der Eltern, ihren Kindern diejenigen Überzeugungen in Glaubens- und Weltanschauungsfragen zu vermitteln, die sie für richtig halten. Dem entspricht das Recht, sie von Glaubensüberzeugungen1 fernzuhalten, die den Eltern falsch und schädlich erscheinen" (BVerfGE 93,1/17). 

Die Gewissensfreiheit ist letztlich in diesen Schulfällen nicht mehr gewährleistet, weil die Bedeutung einer Gewissensentscheidung nicht mehr erkannt wird. 

    „Im religiösen, insbesondere im christlichen Bereich – gleichgültig, welchen Bekenntnisses und welcher Gemeinschaft – ist die Gewissensentscheidung eine Entscheidung vor Gott. Das Unterlassen einer Gewissensentscheidung, wo es ihrer bedurft hätte, bedeutet im religiösen Bereich ein Sich-Entziehen vor Gott. Das Handeln gegen eine Gewissensentscheidung bedeutet eine Ablösung von Gott, ein Sich-wider-Gott-Stellen, da das religiöse Sein aus Gott fließt, einen Substanzverlust der Persönlichkeit sowie Gefährdung des ewigen Lebens“ (Karl Peters, „Überzeugungstäter und Gewissenstäter“, in Festschrift für H. Mayer, 1966, S. 257/270). 

Wurde nicht dieses alles in jenen Schulpflichtfällen wie im Fall Elscheidt mißachtet? 
 

Herzliche Grüße

Christa Widmer

Mitarbeiterin von SchuzH