Brot, Wein und Gericht
Schwierige Bibelstellen: 1. Kor. 11, 29
Denn der Essende und Trinkende ißt und trinkt sich selber Urteil, wenn er den Leib nicht beurteilt.
Dieser Aussage geht in Vers 28 die paulossche Anweisung »ein jeder prüfe sich selbst« voraus. Die Frage ist nun, worauf sich diese Selbstprüfung beziehen muß und damit auch, worauf sich die Gerichtsdrohung in Vers 29 bezieht. Geht es hier darum, irgendwelchen Verfehlungen nachzuspüren? Die McArthur Studienbibel gibt in ihrem Kommentar die verbreitete protestantische Auffassung wieder, wenn sie recht allgemein schreibt:
»Am Mahl des Herrn teilzunehmen, wenn man an seiner Sünde festhält, entehrt nicht nur die Feier, sondern entehrt auch den Leib und das Blut Christi, weil man mit seinem gnadenreichen Opfer leichtfertig umgeht. Man muß vorher alle Sünden vor dem Herrn klären (V. 28) und dann teilnehmen, damit das Opfer nicht verlästert wird, weil man an Sünde festhält.«
Wird diese Aussage wirklich dem Text gerecht? Paulos redet hier tatsächlich nicht von irgendwelchen Verfehlungen, sondern von einer ganz bestimmten, die auch konkret dargestellt wird. Wer genau sich nach paulinischem Urteil vom Abendmahl fernhalten soll, geht aus dem weiteren Textumfeld des Ersten Korintherbriefes hervor: Paulos verbietet hier nämlich nicht nur Konfessionsbildung, er untersagt explizit die Teilnahme am Mahl für alle, die sich einem besonderen Bekenntnis zurechnen.
Der Zusammenhang ist dabei folgender: Die korinthische Gemeinde ist gerade dabei, sich in einzelne Denominationen aufzuspalten — dem Apollos zugehörig, dem Petros usw. (1. Kor. 1, 12ff). Paulos schreibt ihnen deswegen in Bezug auf Brot und Kelch des Herrn: »Der Essende und Trinkende ißt und trinkt sich selbst Urteil, wenn er den Leib (des Christus) nicht (richtig) beurteilt. Deshalb sind inmitten von Euch viele Schwache und Sieche, und sind viele schlummerngemacht.« Er verweist auf die Unteilbarkeit der Herausgerufenen [G], da sie den unteilbaren Leib des Christus darstellt. Diese Einheit wird ja gerade auch in der Symbolik des Abendmahles verkündet:
Das Brot, das wir brechen, ist es nicht Gemeinschaft des Leibes des Christos, da wir, die vielen, ein Brot, ja ein Leib sind, denn wir alle haben mit Teil aus dem einen Brot. (1. Kor. 10, 16f)
Indem aber die Korinther Teile des Leibes des Christos sich selbst bzw. ihren Lieblingslehrern zurechneten, haben sie den Christos falsch beurteilt und dadurch den Leib des Christos zerteilt (1. Kor. 1, 13). Wenn sie nun das Mahl des Herrn feierten, verkündigten sie dadurch aber die Einheit des Christos gemäß 1. Kor. 10, 16f. Mit ihrer faktischen Gemeindestruktur wiederum verkündigten sie: »Es gibt einen apollischen Leib, einen kephischen Leib, einen christischen Leib usw.« (1. Kor. 1, 12). Damit waren sie im Widerspruch zu sich selbst und zum Herrn, Verkündigung und Tun fielen weit auseinander, sie aßen und tranken sich selbst zum Urteil; das heißt, die Verkündigung, die dem Mahl innewohnt, verurteilte ihre Gemeindepraxis. Die Folge waren Krankheit und Tod, denn hier erfüllt sich das Wort:
Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, so wird diesen der Gott verderben; denn der Tempel des Gottes ist heilig, der Ihr, ja Ihr seid.« (1. Kor. 3, 13)
Im Zusammenhang mit dem »Ersten ökumenischen Kirchentag« in Berlin im Frühjahr 2003 wurde die Frage eines interkonfessionellen Abendmahles von katholischen und evangelischen Theologen und Laien heftig diskutiert. Die Frage, ob ein solches denn erlaubt sei, hat ein Theologieprofessor damals mit der Äußerung beantwortet, daß der erste Korintherbrief, da er ja Spaltungen kritisiert, Katholiken und Evangelische geradezu zu einem gemeinsamen Mahl verpflichte. Bei oberflächlicher Betrachtung mag man dem spontan zustimmen wollen. Und doch kann nichts von der Wahrheit weiter entfernt sein. Tatsächlich verbietet Paulos im ersten Korintherbrief jedem, der sich überhaupt einer Denomination zurechnet, die Teilnahme am Mahl. Das gilt für Katholiken, die sich ja auf Petros berufen, sich also selbst für »kephisch« (1. Kor. 1, 12) erklären, ebenso wie für jede andere Benennung. Sie beurteilen den Leib nicht richtig und sollen sich vom Mahl fernhalten, um sich nicht selbst in Verurteilung zu begeben.
Insofern krankte diese Diskussion von vornherein an einer falschen Fragestellung. Die richtige Frage lautet nicht: »Darf es ein interkonfessionelles Abendmahl geben?« oder: »Dürfen Denominationen den Zugang zum Abendmahl reglementieren?« sondern: »Darf jemand, der sein Christsein mit einer Konfessionszugehörigkeit ergänzt, überhaupt am Mahl teilnehmen?«. Diese Frage hat Paulos mit einem eindeutigen Nein beantwortet. Jeder, der sich über seinen christlichen Glauben hinaus einem Sonderbekenntnis zurechnet, darf nicht am Mahl teilnehmen, wenn er sich nicht solchem Gericht wie dem von Paulos beschriebenen aussetzen will.
Zum besseren Verständnis der Denominationsfrage siehe auch Artikel »Wolfsblut«.
Photo: © Geier
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Brot, Wein und Gericht
Lieber Markus, ich denke
Lieber Markus,
ich denke schon, daß das so richtig ist. Dem widerspricht auch nicht Dein Hinweis auf die korinthischen Feiern. Was Paulos hier zurechtweist, ist vor allem auch, daß sie den Leib insofern verleugneten, als hier soziale Unterschiede kultiviert wurden und nicht geteilt wurde, so daß einige hungrig blieben (11, 21f). Dies ist ein weiterer Aspekt, der das im Artikel gesagte ergänzt, ohne es aber aufzuheben. Die mangelnde materielle Solidarität der Korinther untereinander war eine Folge ihres mangelnden geistlichen Verständnisses für den Leib des Christos und seine Einheit.
Daß hier die Frage entsteht, wer denn überhaupt das Mahl noch rechtmäßig nehmen darf, ist eine berechtigte Feststellung. Das kann ich aber auch nicht ändern. Die Denominationen sind nun einmal illegal — Schwarzbauten auf Gottes Grund und Boden — und ich kann sie nicht eben mal für legal erklären, nur weil mir die Konsequenzen, die sich aus dieser Feststellung ergeben, unbequem sind.
Markus hat es schon ganz gut
Allerdings gibt es in der
Ich würde sagen: Die Frage ist, ob man (diesen schriftwidrigen Zustand) akzeptiert oder nicht.
Genau das ist der Punkt.
Bisher wartet Christus umsonst darauf, daß wir vom Denominationsunwesen umkehren und Abstand davon nehmen »den Christus zu zerteilen«, wie es Paulos ausdrückt. Ist das besser?
Paulus geht es letztlich um
(fast hätte ich "Ökumene"
Das ist ein wesentlicher Punkt. »Ökumene« ist der Versuch, eine Art Einheit durch ein Zusammenorganisieren und womöglich Versöhnen der Denominationen herzustellen, während biblische Einheit im Nichtvorhandensein von Denominationen besteht. Der ökumenische Denkfehler besteht darin, daß man ein geistliches Gut haben möchte (Einheit) aber trotzdem an einem fleischlichen Gut festhalten will (den Denominationen). Kurz: Man will den Preis nicht zahlen, den die Einheit kostet und vergißt, daß alles, was Fleisch ist, immer nur Fleisch hervorbringen kann, niemals aber etwas geistliches. Seit Jahrhunderten verhält man sich so, als würde es nur dieses eine mal ausnahmsweise doch funktionieren, daß ein fleischliches Gewächs geistliche Frucht hervorbringt, und da kämpft man nun und betet und ringt, und wendet sich damit gegen die geistlichen Gesetze, die sich aber einfach nicht aushebeln lassen.
Das Problem besteht ja nicht darin, einer Meinung zu sein, sondern darin, sich einseitig bestimmten Lehrern oder Lehren zuzuwenden. Wenn Sie eine Geier-Gemeinde gründen wollten, würden Sie tatsächlich den Christos zerteilen, aber nicht, wenn Sie mit mir in irgendeinem Punkt übereinstimmen.
Ich merke schon, wir kommen
Ich würde auch nicht sagen,
Ich würde auch nicht sagen, daß die Abwesenheit von Denominationen schon automatisch Einheit herbeiführt, wohl aber, daß sie eine unabdingbare Voraussetzung für Einheit ist. Jegliches Partikularbekenntnis steht der Einheit nun einmal im Wege.
Ich denke auch nicht, daß wir dem Pauloswort vom zerteilten Christos ausreichend gerecht werden, wenn wir es als rhetorische Übertreibung anssehen. Ich denke eher, man kann es als prophetisch einordnen, denn genau das ist ja das Bild, das sich heute darstellt.
Was das »fleischliche Gut« angeht, so wollte ich damit ausdrücken, daß eine Denomination eben keine geistliche Struktur ist, auch wenn ihre Mitglieder das sicher anders sehen wollen, sondern eine fleischliche, diesem Äon und diesem Kosmos zugehörige. Wer sich in den Bau von Denominationen investiert, »sät ins Fleisch« und kann deshalb keine geistliche Frucht erwarten. Daß solche trotzdem hier und da entsteht, liegt an der Überschneidung geistlicher und fleischlicher Strukturen: So gibt es natürlich in den dem Fleisch zuzurechnenden Denominationen einzelne geistliche Menschen. Deswegen ist die Lage auch so unübersichtlich und mißverständlich — eben das typische Werk des Durcheinanderwerfers. Viele sagen: »Aber Gott segnet doch!« und rechnen dabei nicht, daß Gott nicht wegen, sondern trotz der denominationellen Verstrickungen segnet und denken auch nicht daran, was Gott tun könnte, wenn wir ihm gehorsam würden.