DruckversionSt. Augustin (DT) Plötzlich sind sie da, in allen Räumen des Wohnheims. Die neunzehn Lepra-Waisen schreien, flüchten panisch ins Freie. Bevor Pater Edward Sequeira reagieren kann, wird er auch schon brutal zusammengeschlagen. Der Missionar, der die Einrichtung im indischen Distrikt Bargarh in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat, überlebt den Angriff mit schweren Verletzungen. Im dichten Qualm kann er sich im Badezimmer einschließen. Rajani Majhi hat weniger Glück. Als das Wohnheim in Flammen aufgeht, kann sie nicht rechtzeitig entkommen. Die 20-jährige Lehrerin verbrennt bei lebendigem Leib.
Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate tobt ein blutiger Konflikt im nordindischen Bundesstaat Orissa. Militante Hindus fallen über Christen her, prügeln auf sie ein, misshandeln und demütigen sie. Viele Christen suchen in der bürgerkriegsähnlichen Situation verzweifelt Zuflucht, harren ohne Nahrung in den Wäldern aus. „Betet mit uns, dass bald wieder Friede einkehrt“, schreibt der Steyler Missionar Alphoce Toppo nach Deutschland.
Schon seit Jahren ist die Lage zwischen Christen und fundamentalistischen Hindus in Orissa angespannt. Obwohl die Christen mit 2,5 Prozent nur einen relativ kleinen Teil der indischen Bevölkerung ausmachen, werden sie von den Hindus als Gefahr angesehen. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen, die im Allgemeinen vom Zorn der Hindus über die Missionstätigkeit von Christen unter der armen Landbevölkerung gespeist werden. Vor allem, dass die Christen den von der hinduistischen Gesellschaft Ausgestoßenen, den „kastenlosen“ Dalits und Adivasis ihre menschliche Würde zurückgeben, schürt den Hass radikaler Hindus. 1999 verbrannten sie den Missionar Graham Staines und seine beiden Söhne. Im vergangenen Jahr wurden bei Zusammenstößen zwischen Hindus und Christen vier Menschen getötet und zahlreiche Kirchen zerstört.
Ihren traurigen Höhepunkt erreichte die Zerstörungswelle in den Weihnachtstagen 2007: 400 bis 500 militante Hindus fielen nach Berichten des Erzbischofs Raphael Cheenath SVD in der Pfarrei Balliguda ein. Mit Metallzangen durchschnitten sie Tür- und Fenstergitter, feuerten mit Gewehren und steckten mit Petroleum Häuser und Bildungszentren, Kirchen und Kapellen an. Während der Mitternachtsmesse am 24. Dezember warfen die Fundamentalisten eine Bombe auf das Haus des Erzbischofs in Bhubaneswar, die wie durch ein Wunder nicht explodierte. Vollständig zerstört wurden während jener Unruhen dagegen fünf Pfarr- und 48 Dorfkirchen, neben Schwesternkonventen, Pfarrhäusern und Wohnheimen. „Die Polizei hat einfach zugeschaut“, erinnert sich der Steyler Missionar. „All dies fand ungestraft in Gegenwart der Behörden statt.“
Trotz stärkerer Behördenpräsenz sind die Hass-Orgien gegen Christen in diesen Tagen erneut aufgeflammt. Anlass für die Übergriffe ist der Tod Laxmanananda Saraswatis, eines führenden Vertreters des Welthindurates. Am 23. August wurde der 84-Jährige in der Nähe von Tumudibandha erschossen.
Die Polizei vermutet Maoisten hinter der Bluttat, Hindu-Gruppen machten jedoch Christen verantwortlich. Denn Saraswati hatte eine Kampagne zur Zwangskonvertierung von Christen zum Hinduismus angeführt, und er soll auch der führende Kopf an der Spitze besagter Krawalle gewesen sein, bei denen tausende Christen am vergangenen Weihnachtsfest obdachlos wurden.
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