Nachdem Open Doors Deutschland mit einer Spezialausgabe China als Beilage in christlichen Magazinen über die Verfolgungssituation in nicht registrierten Hausgemeinden in China informiert hat, wurden wir von einer Mitarbeiterin, die 12 Jahre für den Chinesischen Christenrat gearbeitet hat, der Lüge bezichtigt.

Immer wieder behaupten Kritiker, dass wir über eine Christenverfolgung in China berichteten, die es nicht mehr gäbe. Uns wurde ferner vorgeworfen, dass es nicht mehr nötig sei, Bibeln und andere christliche Literatur an Hausgemeinden zu liefern, da genügend Material über die einzige staatliche Bibeldruckerei „Amity Press“ erhältlich wäre und sogar kostenlos an die besonders armen Christen der ländlichen Hausgemeinden verteilt würde.

Uns ist bewusst, dass solche Behauptungen einen immensen Vertrauensschaden anrichten können und auch Unsicherheit und Verwirrung in den eigenen Reihen der christlichen Gemeinden und Werke stiften. Aus diesem Grund wollen wir mit dieser ausführlichen Stellungnahme auf den Vorwurf der Lüge, der gegen Open Doors erhoben wurde, reagieren.

Die gegen uns erhobenen Vorwürfe „erklärter Chinakenner“ wurden aus langjähriger Zusammenarbeit mit Repräsentanten der Staatskirche und eines Repräsentanten einer nicht registrierten Hauskirche untermauert, um zu belegen, dass es in China keine „organisierte“ Christenverfolgung mehr gibt. Insofern sei die Darstellung von Open Doors über Christenverfolgung in China klar als Lüge zu bezeichnen.

Ich möchte gleich vorwegnehmen, dass wir diesen Personen, die uns der Lüge bezichtigen, nicht denselben Vorwurf machen möchten. Wir wissen aus unserer nahezu 30-jährigen Arbeit in China mit einem Team chinesischer Mitarbeiter vor Ort, dass China viele Gesichter hat. Die Tatsache einer nach wie vor anhaltenden Christenverfolgung darf durch Kritiker nicht pauschal verharmlost werden. Genau das ist es, was der kommunistischen Partei in die Arme arbeitet und die Hauskirchen noch mehr unter Druck setzt. Oft werden Argumente wie folgende verwendet: „es handele sich ja nur um Einzelfälle“ oder „die inhaftierten Christen seien ja selbst schuld, wenn sie illegale Dinge täten und sich nicht registrieren ließen.“ Auch verweisen Kritiker auf ihre eigenen Erfahrungen, z.B. Gespräche mit einigen Leitern nicht registrierter Hauskirchen, die beteuert hätten, dass es in ganz China keine Christenverfolgung mehr gäbe. Am gefährlichsten ist jedoch die schleichende Beeinflussung durch die Regierung, besonders von Vertretern der Patriotischen Drei-Selbst Bewegung, mit denen die Kritiker oft langjährige Partnerschaften pflegen.

Wer auf dieser Basis behauptet, „die Wahrheit zu kennen“, ist aus unserer Sicht nicht automatisch ein „Lügner“, sondern jemand, der eben nur einen Teil der Wahrheit kennt. Deshalb ist es gefährlich, zu schnelle Schlüsse zu ziehen und sich über einen anderen Dienst zu erheben, der seit Jahrzehnten eng mit den nicht registrierten Hauskirchen Chinas zusammenarbeitet.

Der Dienst von Open Doors hat seit 53 Jahren ein klar fokussiertes Anliegen: Wir haben die Berufung, der verfolgten Kirche weltweit zu dienen. Hierzu treten wir in derzeit rund 50 Ländern, in denen starke Christenverfolgung herrscht, mit den Leitern der verfolgten Kirche in Verbindung und fragen sie, wie wir ihnen helfen können. Somit initiieren wir keine eigenen Projekte, sondern handeln aufgrund konkreter Bedürfnisse der verfolgten Kirche. Aufgrund dieser langjährigen und engen Verbindung mit verfolgten Christen, ermittelt Open Doors auf Basis eines Fragenkatalogs jährlich den sogenannten Weltverfolgungsindex, eine Rangfolge der 50 Länder, in denen Christen am härtesten verfolgt werden. China ist hierbei von Rang 12 (2007) auf Rang 10 (2008) vorgerückt. Das bedeutet, dass China laut Index in Bezug auf Christenverfolgung weltweit einen der vorderen Plätze einnimmt.

Die Verfolgungssituation kann innerhalb eines Landes völlig unterschiedlich sein und betrifft manchmal nur einzelne Regionen. Diese Situation zeigt sich nicht nur in China, sondern auch in Indien, Mexiko, Vietnam und anderen Ländern. Die Motivationen für Christenverfolgung sind auch regional unterschiedlicher Natur, liegen aber oft, wie in China, in einem System wie dem des Kommunismus begründet.

Gibt es in China Religionsfreiheit?

Für die registrierten Kirchen, wie die Patriotische Drei-Selbst-Bewegung, gibt es die von der kommunistischen Partei festgelegten Freiheiten. In den letzten Jahren sehen wir eine wachsende Anzahl von Drei-Selbst-Kirchen, in denen es lebendige Gottesdienste, Bekehrungen und Taufen gibt. In solchen Kirchen sind Pastoren verantwortlich, die zum Glauben an Christus gekommen sind. Auch in einer Anzahl nicht registrierter Hauskirchen können Gottesdienste frei gefeiert werden. Hierfür sind wir sehr dankbar! Können wir deshalb bereits von Religionsfreiheit in China sprechen? Auf den ersten Blick ja, doch auf den zweiten Blick muss man hinter die Kulissen der „Religionsfreiheit“ schauen.

Nach wie vor vertritt die kommunistische Regierung Chinas ein atheistisches System. Im ganzen Land werden die nicht registrierten Hausgemeinden als „illegal“ eingestuft. Illegale Gruppen haben in den Augen der kommunistischen Partei den Anstrich von potentiellen „Konterrevolutionären“, die man genau beobachten und einschränken muss. Dennoch hat die Regierung begonnen, immer mehr nicht registrierte Hausgemeinden zu dulden. Dies gibt den Hausgemeinden jedoch nicht automatisch den Rechtsstatus von Religionsfreiheit. Zumeist in ländlichen Regionen wird von lokalen Polizeibehörden ein solches „Rechtsvakuum“ ausgenutzt, indem Pastoren und Mitglieder solcher „illegalen Hausgemeinden“ drangsaliert, geprügelt, mit Bußgeldern belegt oder zur Umerziehung abgeholt werden. Somit ist die nicht registrierte Hausgemeindebewegung der Willkür der örtlichen Behörden im ganzen Land ausgesetzt – in einer Dynamik von zu- und abnehmender Verfolgung.

Kann man von Religionsfreiheit sprechen, wenn man immer mit der Angst leben muss, der Willkür der lokalen Behörden ausgeliefert zu sein? Wir meinen nein! Diese schwierige und nicht akzeptable Situation würde sich nur grundlegend ändern, wenn die kommunistische Regierung den nicht registrierten Hauskirchen und ihren Pastoren einen offiziellen Rechtsstatus gewähren würde, anstatt sie über Benachteiligungen und Drohungen unter Druck zu setzen, sich unter dem Dach der kommunistischen Regierung registrieren zu lassen. Gibt es somit eine Hoffnung auf „echte Religionsfreiheit“?

Unsere Mitarbeiter in China sehen hier für die Zukunft noch keine grundlegenden Veränderungen. Sie befürchten, dass es weiterhin willkürliche Aktionen gegen Hausgemeinden geben wird, die auch von der Regierung initiiert und gesteuert werden. Auf der anderen Seite hoffen sie, dass die Duldungsspielräume für die Hauskirchen, die in den letzten Jahren gewachsen sind, auch zukünftig noch zunehmen.

Gibt es in China noch Christenverfolgung?

Ja, immer noch werden Pastoren von Hauskirchen zur „Umerziehung“ auf Polizeistationen gebracht und gefoltert oder unter Hausarrest gestellt. Es sitzen immer noch Christen wegen „illegaler Evangelisation“ in Gefängnissen. Eine Christin hat hierfür beispielsweise eine Strafe von 20 Jahren Arbeitslager erhalten. Die Liste unserer Glaubensgeschwister, die in Arbeitslagern oder Gefängnissen sitzen, ist immer noch lang, jedoch in den letzten zehn Jahren kürzer geworden. Die Haftstrafen haben sich verringert. Aber haben wir deswegen keine Verfolgung mehr? Im Vorfeld der Olympiade hat es eine Verfolgungswelle gegen nicht registrierte Hauskirchen gegeben, über die wir in unserer Spezialausgabe berichtet haben. Das muss in der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden! Als weiteren Anhang zu dieser Stellungnahme haben wir einen Bericht des Nachrichtendienstes „Compass Direct“ beigefügt, der konkrete Verfolgungsfälle der jüngsten Vergangenheit dokumentiert.

Warum lassen sich Hauskirchen nicht registrieren?

Grundsätzlich haben die meisten Hauskirchen kein Problem damit, sich registrieren zu lassen. Sie möchten sich nur nicht unter dem Dach der Patriotischen Drei-Selbst- Bewegung oder beim Amt für religiöse Angelegenheiten registrieren lassen, denn der Kopf der Staatskirche ist immer noch die Kommunistische Partei. Manche der derzeitigen Hauskirchenleiter haben mehr als 20 Jahre in Arbeitslagern verbracht. Ist es für sie somit möglich und einfach, der Staatskirche zu vertrauen? In dem Moment, indem sich eine Hauskirche registrieren lässt, darf sie nur noch einen registrierten Pastor haben, der vom Chinesischen Christenrat „freigegeben wurde“ - und von diesen gibt es bei weitem zu wenige. Auch müssen Hauskirchen sich nach der Registrierung den Regeln der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung (PDSB) unterwerfen. Können wir verstehen, warum sich die meisten Hausgemeinden trotz größerer Freiheiten nicht registrieren lassen?

Gibt es in China eine Erweckung?

Ja, es gibt seit Jahren eine große Erweckung. Wir schätzen aufgrund unserer Informationsquellen, dass mehr als 10.000 Menschen pro Tag Jesus als Retter annehmen. Aufgrund der vielen neuen Christen bildet Open Doors jährlich tausende Pastoren und Leiter vor Ort aus, die den neu gegründeten und wachsenden Hausgemeinden dienen. Durch das schnelle Wachstum der chinesischen Kirche ist auch die Gefahr der Entstehung von Sekten ein großes Problem. Deshalb ist biblisch fundierte Schulung ein Schwerpunkt des Dienstes von Open Doors. (2007 haben wir mehr als 10.000 christliche Leiter in China ausgebildet.)

Gibt es in China genügend Bibeln und Lehrbücher?

Es wird von offizieller Seite behauptet, dass es für die Drei-Selbst-Kirchen, über deren Kanäle Bibeln vertrieben werden, offensichtlich genügend Material gibt*). Auch Hauskirchen nahe den Metropolen könnten über diese Kanäle Bibeln beziehen. Allerdings widersprechen sich hier die beiden Organisationen, die uns Lüge vorwerfen. Während die „Chinakennerin“ behauptet, dass es ausreichend Bibeln und Literatur im Lande gibt, spricht die andere Organisation, die ebenfalls mit dem chinesischen Christenrat zusammenarbeitet, von einem Mangel, der auf Jahre nicht von der Amity-Press gedeckt werden könne (siehe Fußnote). Wir wissen aus erster Hand von den nicht registrierten Hauskirchen-Netzwerken von einem Mangel an Bibeln, Kinderbibeln, Lehrmaterial für die Pastorenausbildung. Im vergangenen Jahr hat Open Doors deshalb 4,6 Millionen Stück Literatur (Bibeln, Gesangsbücher, Studienmaterial etc.) auf Anforderung der Hauskirchen in die überwiegend ländlichen und armen Regionen geliefert. Viele der dort lebenden Christen, die oftmals arme Bauern sind, erhalten keinen eigenen Personalausweis (keine ID) und haben nicht genügend Geld für Reisen oder den Kauf von Material. Wir liefern nur Bibeln und Literatur, die von den chinesischen Hauskirchen persönlich angefordert wurden und dringend benötigt werden.

*) Eine namhafte christliche Organisation, die seit Jahren eng mit der Drei-Selbst Kirche zusammenarbeitet, berichtet von einem Mangel an Bibeln und guten Studienbüchern, der auf Jahre nicht von der offiziellen Bibeldruckerei „Amity-Press“ gedeckt werden kann, und bezieht sich hierbei nur auf den Literaturmangel in den registrierten Kirchen.

Aktuelle Beispiele von Diskriminierung / Verfolgung

Es gibt leider immer noch Verfolgungsfälle, die im „Verborgenen“ stattfinden. Solche Fälle werden von Open Doors aufgrund des engen Kontaktes zu den Hauskirchen-Netzwerken ans Licht gebracht. (Siehe hierzu auch unsere regelmäßigen Nachrichten über China und andere Länder)

Vor zwei Wochen wollte unser chinesischer Mitarbeiter, Pastor Johnny Li, mehrere Pastorenfreunde in China besuchen. Leider konnte er manche von ihnen nicht treffen, weil einige in ein Arbeitslager gebracht wurden, während andere auf der Flucht waren.

Vergangenes Jahr nahmen Praktikanten von Open Doors Deutschland an einem Jugendcamp in China teil. Sie trafen sich dort mit 70 jungen Chinesen, um miteinander zu singen, sich zu ermutigen und zu beten. Kurz nach Beginn des Jugendcamps, das in einem alten Haus auf dem Land stattfand, wurde das Gelände von der Polizei umstellt. Polizisten verhörten den chinesischen Pastor und stellten die Jugendlichen vor die Wahl: „Entweder ihr beendet sofort dieses Treffen oder der Pastor geht ins Gefängnis.“ Das Camp wurde abgebrochen, alle Jugendlichen und Erwachsenen mussten das Lager verlassen.

Der Dienst von Open Doors ist in den Ländern mit Christenverfolgung ein Untergrunddienst. Deshalb können wir Touristen auch nicht ohne weiteres zu den verfolgten Hausgemeinden, Gefangenen oder deren Familien bringen. Solche Treffen könnten für die Hausgemeindechristen direkte Konsequenzen zur Folge haben. Wir haben in der letzten Zeit in den Medien gesehen, wie blutig die chinesische Regierung gegen „Abweichler“ in Tibet oder gegen Regimekritiker und Bauern auf dem Land vorgegangen ist. Auch nicht registrierte Hausgemeinden haben als „Abweichler“ immer noch den Status „illegal“.

Wenn wir nur das als Wahrheit ansehen, was wir bei einer „offiziellen Reise“ vor Augen haben oder was uns die kommunistische Regierung oder die Präsidentin des staatsnahen Chinesischen Christenrates, Frau Cao Shengjie, glauben machen wollen, dann werden wir unsere verfolgten Geschwister, die keine Stimme haben, vollends vergessen. Die Präsidentin des Chinesischen Christenrates hatte in einem Interview anlässlich des Besuchs des Deutschen Evangelischen Kirchentages im vergangenen Jahr der Evangelischen Zeitung (Hannover) auf die Fragen von Journalisten geantwortet; Zitat: Von etwaigen nichtregistrierten Hausgemeinden wisse sie dagegen wenig. „Unsere Kirchen sind oft überfüllt, da kann es sein, dass es einige spontane Versammlungen gibt, wo sich Menschen zum Gottesdienst treffen.“ Mit diesem Zitat gibt Frau Cao als Präsidentin der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung die Propaganda der kommunistischen Partei weiter, die die Mehrheit der Christen Chinas aus den nicht registrierten Hausgemeinden (ca. 2/3 aller Christen Chinas) nicht kennen will.

Es ist unser dringendes Anliegen, den Leib Christi in der sogenannten freien Welt zu bitten, für die Familien der inhaftierten Pastoren und die Opfer von Folter und Verfolgung in China und anderen Ländern zu beten. Gerade diese Geschwister benötigen dringend den Beistand des weltweiten Leibes Christi. Wenn wir uns als Open Doors mit dem vorhandenen Grad der Religionsfreiheit zufriedengeben würden und die noch verbliebenen verfolgten und diskriminierten Geschwister nicht weiterhin mit ganzem Einsatz ermutigen würden, dann würde sich auch niemand mehr in der „freien Welt“ verantwortlich fühlen, für sie zu beten und ihnen beizustehen - gemäß dem Bibelwort: „Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle anderen Glieder mit“. Deshalb werden wir auch weiterhin über die Situation der Hausgemeinden berichten und zum Gebet und Unterstützung aufrufen. Ebenfalls werden wir die chinesische Regierung weiterhin auffordern, die nicht registrierten Hausgemeinden und ihre Leiter als christliche Kirche Chinas offiziell anzuerkennen und ihnen alle Rechte als Christen zu gewähren.

Wir bieten jedem Interessierten an, unser kostenloses monatliches Magazin mit Gebetskalender zu bestellen, um aktuell über die Situation verfolgter Christen informiert zu bleiben.

Bitte beten Sie weiter für unsere verfolgten Geschwister in China!

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen!

Markus Rode
Leiter Open Doors Deutschland

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