Offener Brief an Bekenntnisbewegung

11 August, 2008 - 15:18

Sehr geehrter Herr Pfarrer Sigloch,
sehr geehrter Herr Rominger,

vielen Dank zunächst einmal, dass Sie das so wichtige Thema der Schöpfung auch im Informationsbrief der Bekenntnisbewegung aufgegriffen haben, gehört es doch mit zu einem wichtigen Teil unseres christlichen Bekenntnisses.

Dennoch bin ich letztlich sehr betrübt über den Tenor Ihrer beiden Aufsätze, da sie beide den Kreationismus zurückweisen, da sie beide letztlich, auf S. 11 wird es sehr klar, die Aussagen des Heiligen Geistes in den ersten beiden Kapiteln der Bibel nicht so wörtlich akzeptieren wollen, wie sie dastehen, da Sie ja ausdrücklich schreiben, dass die Bibel keine Antwort auf naturwissenschaftliche Fragen gebe.

Aber der Reihe nach. Zunächst, Herr Pfarrer Sigloch, freue ich mich, dass Sie sich doch in Teilen kritisch zur EKD-Studie zum Streit um die Schöpfung geäußert haben, vor allem, dass Sie kritisiert haben, dass jegliche Kritik an der Evolutionstheorie in dem EKD-Papier fehlt. Vielen Dank.
Leider aber stimmen Sie anscheinend ein - denn Sie weisen den von Ihnen zitierten Satz nicht zurück - in die Verwerfung des Kreationismus durch die EKD als einer "Verkehrung des Glaubens an den Schö pfer". Wieso soll es Verkehrung des Glaubens an den Schöpfer sein, wenn, wie es die Christenheit immerhin über 1800 Jahre, und das messianische Judentum, also die christliche Kirche des AT, zuvor schon 4000 Jahre, die ersten beiden Kapitel der Bibel so genommen werden, wie sie da stehen - und zwar, da der Heilige Geist hier Mose mit der Erschaffung der Erde eben auch zu naturwissenschaftlichen Dingen etwas gesagt hat, diese auch für die Naturwissenschaft Relevanz haben?
In gewisser Hinsicht stellen Sie, Herr Pfarrer Sigloch, den Kreationismus und die Evolutionstheorie auf eine Stufe, denn Sie sprechen auf S. 6 f beide von "angeblich objektiven Weltbildern". Habe ich Sie da richtig verstanden? Warum hat der Kreationismus ein "Weltbild"? Welches hat er denn? Weder in Ihrem Aufsatz noch in demjenigen von Herrn Rominger, der in eine ähnliche Richtung zielt, wird ein solches tatsächlich dargestellt.

Sie werfen dem Kreationismus vor auf S. 6, dass er behauptet, durch exakte Beobachtung der Natur müsse der Mensch zur Erkenntnis Gottes kommen. Herr Pfarrer - ist aber nicht genau das auch die Lehre von Römer 1,18 ff. und Ps. 19? Schreibt nicht der Heilige Geist durch Paulus, dass die Tatsache, dass es Gott gibt, und zwar einen allweisen, allmächtigen Gott, durch die Schöpfung erkannt werden kann? Und dass es eben die Sünde ist, die diese Erkenntnis verdunkelt? Und gerade darum alle schuldig sind, weil sie diese Erkenntnis nicht wahrhaben wollen?
Warum soll diese Argumentation denn falsch sein? Warum soll es falsch sein, apologetisch zu argumentieren und dabei eben auch interessante Ergebnisse der Naturwissenschaft (wie die Molekulargenetik mit ihren Erkenntnissen zu DNS und RNS) und der Informatik mit einzubeziehen? Übrigens hat dies der Naturwissenschaftler, mehrfache Doktor und Professor Arthur Ernest Wilder-Smith schon vor über 25 Jahren getan, wie ich ihn selbst in einem Vortrag in Krelingen damals hörte.

Sie schreiben, die Christenheit habe auch ohne den Kreationismus am Bekenntnis zum Schöpfer festgehalten. Es ist richtig, dass es das Bekenntnis zum Schöpfer gegeben hat, auch als es diese Bewegung noch nicht gab. Aber: Ich behaupte, dass nur diejenigen wirklich für sich in Anspruch nehmen können, dieses Bekenntnis unverkürzt behalten zu haben, die nichts anderes gemäß der Heiligen Schrift bekannt haben, als was heute die Kreationisten von der Schrift her bekennen. In weiten Teilen der Christenheit, und gerade von offizieller Seite der EKD, ist eben dieses Bekenntnis ja entweder vollständig oder zumindest in Teilen geleugnet worden und wird es, siehe das auch von Ihnen kritisierte EKD-Papier, noch heute. Wer die ersten beiden Kapitel der Bibel nicht als auch naturwissenschaftlich relevante Aussagen treffende Worte Gottes annimmt, der hat nicht mehr die biblische Schöpfungslehre, das wage ich hier doch einmal deutlich zu postulieren.

Sie werfen, wenn ich Sie richtig verstehe, Herr Pfarrer Sigloch, dem Kreationismus letztlich auch vor, dass er naturwissenschaftlich arbeitet. Warum darf dies ein Christ nicht? Warum sollte die Apologetik nicht auch solche Arbeit mit einbeziehen? Darf ich Sie sehr direkt ansprechen: Haben Sie sich über dieses Thema z.B. schon einmal mit Herrn Joachim Scheven oder Herrn Reinhard Junker unterhalten, ausgesprochenen wissenschaftlichen Experten in diesem Bereich? Ich möchte Sie doch herzlich darum bitten. Es könnte m.E. auch für die Bekenntnisbewegung fruchtbar sein.
Es gibt wohlkaum einen Kreationisten, der deshalb 1. Mose 1 und 2 glaubt, weil er die Dinge naturwissenschaftlich bewiesen hat. Ich zumindest glaube 1. Mose 1 und 2 völlig unabhängig davon, was die Naturwissenschaft gerade dazu vermeldet, weil, wie Luther sehr deutlich und völlig zu recht sagte, die Wissenschaft sich schon oft geirrt hat, Gott aber sich niemals irrt. Ein rechter Kreationist glaubt Gottes Wort in 1. Mose 1 und 2 und arbeitet gerade darum auch naturwissenschaftlich, nur von ganz anderen Voraussetzungen herkommend als ein Evolutionist. Von daher halte ich auch den Vorwurf, der Kreationsimus sei nur eine andere Form des Rationalismus, den Sie, Herr Rominger, geäußert haben, für falsch. Denn beide arbeiten mit völlig unterschiedlichen Erkenntnistheorien, die einen schalten Gott von vornherein aus, die anderen gerade nicht. Die einen halten an ihrer Theorie fest, obwohl sie viele Phänomene nicht erklären kann, ja, viele Phänomene ihr widersprechen, so dass sie als wissenchaftliche Arbeitshypothese längst überholt ist (die Evolutionstheorie), andere machen Beobachtungen und finden Parallelen zu biblischen Aussagen. Dürfen wir als Christen bei der Naturbetrachtung nur "Laien" sein? Haben nicht gerade Christen, die die Bibel in diesem Hinblick ernst nahmen, wie Kepler oder Newton, großartige naturwissenschaftliche Entdeckungen gemacht, eben weil sie von der Irrtumslosigkeit auch dieser Aussagen ausgingen?

Sie sprechen im Blick auf den Kreationismus von einer "dreisten Neuauflage der mittelalterlichen Gottesbeweise" und wollen damit anscheinend andeuten, dass der Kreationismus, wie der Fundamentalismus überhaupt, etwas "Mittelalterliches" sei. Zu diesem Thema habe ich oben in den Hinweisen zu Röm. 1 und Ps. 19 schon das Wichtigste gesagt.

Es geht nicht darum, den Glauben "wissenschaftlich zu belegen", sondern darum, auf der Grundlage der Bibel Naturwissenschaft zu treiben und deren Ergebnisse dann auch bekannt zu machen. Sie können allerdings der Apologetik dienen.

Wenn ich Ihre Ausführungen richtig verstehe, sprechen Sie zwar, Herr Pfarrer Sigloch, auf S. 8 von sechs Tagen, meinen aber, dass es keines sechs Sonnentage gewesen sind, wie wir sie kennen. Warum nicht? Das hebräische Wort 'yom' sagt genau das; es wird erhärtet durch den Hebraismus "Morgen und Abend", der eben auch dafür steht, und Gottes Worte im Zusammenhang mit dem dritten Gebot für Israel 2. Mose 20.

Herr Rominger, Sie erwecken den Anschein, der Kreationismus sei etwas Neues, sei letztlich eine calvinistische Erfindung (obwohl Sie immerhin anklingen lassen, dass so etwas früher auch schon da war). Ich denke, Sie wissen selbst, dass, wie ich es schon oben sagte, die Christenheit seit Adam und Eva auf jeden Fall bis ins 18. Jahrhundert hinein so geglaubt hat; und die bibel- und bekenntnistreuen Christen haben es auch darüber hinaus bis heute getan und tun es noch. Die lutherische Orthodoxie hat diese Lehre stets vertreten, und entsprechend auch die bibel- und bekenntnistreuen Lutheraner etwa der alten Missouri-Synode, der Ev.-Luth. Freikirche, der Wisconsin-Synode und vieler anderer kleinerer lutherischer freier Synoden. Auch landeskirchliche Lutheraner, wie etwa F.A. Philippi oder F. Hashagen haben dies getan, auch Keil. Sie stellen die Orthodoxie als eine Fehlkonstruktion hin - warum? Was war daran falsch? Nach ihrer Meinung ist sie gescheitert. Wirklich? Da aber, wo Kirche und Glaube auch lehrmäßig erneuert wurden hat man, wie im 19. Jahrhundert, auch die Väter der lutherischen Orthodoxie wieder aufgelegt und macht dies in den USA noch heute (und seit neuestem auch wieder in der BRD).

Zu Ihren Schlussaussagen auf S. 11 kann ich nur noch einmal sagen: Weshalb schränken Sie die Aussagen der Bibel ein? Warum darf sie zu naturwissenschaftlichen Dingen nichts sagen, obwohl sie es doch macht? Warum wollen Sie in naturwissenschaftlichen, und vielleicht dann auch in geographischen und historischen Dingen, dem Heiligen Geist den Mund verbieten?

Es ist sehr traurig, dass in der Bekenntnisbewegung, dazu noch in führender Stelle, solche Ansichten vertreten werden. Liegt hier nicht vielleicht ein Geburtsfehler der Bekenntnisbewegung, dass sie von Beginn an nicht zu einem unverkürzten Ja zur Verbalinspiration und absoluten Irrtumslosigkeit der Schrift gefunden hat, dadurch auch zu einem unverkürzten Ja zu Gottes Sechstagewerk in der Schöpfung und auch zu einer eindeutigen konfessionellen Ausrichtung? Wäre es nicht vielleicht an der Zeit, dies endlich zu korrigieren?!

Hochachtungsvoll
Roland Sckerl
Leopoldstraße 1
76448 Durmersheim

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